Bremsflüssigkeit wechseln

Im Winter 2018 war es dann auch geschlagene drei Jahre her, dass ich meine Bremsflüssigkeit erneuert hatte. Im Prinzip ist die Regel, dass die Bremsflüssigkeit alle zwei Jahre gewechselt werden sollte. Warum ist das so?

Allgemeines zur Bremsflüssigkeit
Generell ist die Bremsflüssigkeit eine Hydraulik-Flüssigkeit, die hydraulisch bei Betätigung des Bremspedals den Druck an die Bremskolben weitergibt. Eigentlich sehr simpel. Durch die Wärmeentwicklung der Bremse beim bremsen, nimmt die Bremsflüssigkeit gleichzeitig Wärme auf und führt diese ab. Sobald die Bremsflüssigkeit jedoch kocht, also vom flüssigen in den gasförmigen Zustand übergeht, hat man ein Problem, denn Gas leitet keinen hydraulischen Druck und damit kann man nicht mehr bremsen… Bei mehreren Runden auf der Rennstrecke, wo immer nahe am ABS (also immer fast eine Vollbremsung) gebremst wird, baut sich eine solche Temperatur sehr schnell auf. Hierfür gibt es spezielle Bremsflüssigkeiten, deren Siedepunkt erhöht ist und die damit mehr aushalten, allerdings auch wesentlich mehr kosten. Einige Beispiele anbei:

  1. Namenhafte 08/15 Bremsflüssigkeit DOT 4 (Naßsiedepunkt ca. 160°C, Kosten pro Liter ca. 7-9 Euro)
  2. ATE Typ 200 DOT 4 (Naßsiedepunkt ca. 200 °C, Kosten ca. 16,- Euro pro Liter)
  3. Castrol SRF DOT 4 (Naßsiedepunkt ca. 260°C, Kosten ca. 60 Euro pro Liter)

Ich hatte mich wieder für den idealen Kompromiss, die ATE Typ 200 entschieden, mit welcher ich bereits sehr gute Erfahrungen gemacht hatte.

Generell sind alle Bremsflüssigkeiten hygroskopisch. Bedeutet, dass sie mit der Zeit Wasser aufzieht und sich mit diesem vermischt. Dies passiert auch, wenn der Wagen gar nicht bewegt wird.
Nachteil: Dadurch, dass die Bremsflüssigkeit Wasser aufzieht und sich damit vermischt, sinkt der Siedepunkt und die Flüssigkeit fängt früher an zu kochen –> keine Bremswirkung.
Vorteil: Dadurch, dass die Bremsflüssigkeit Wasser aufzieht und sich damit vermischt, kann es kein Wasser in den Bremsleitungen und damit auch keinen Rost geben. Die Bremsleitungen reinigen sich durch die Bremsflüssigkeit sozusagen selbst. Zweiter Vorteil ist, dass man die Bremsflüssigkeit mit viel Wasser einfach neutralisieren kann, falls mal etwas daneben geht.

Da der Nachteil der verlorenen Bremswirkung jedoch gravierend ist, sollte die Bremsflüssigkeit regelmäßig (alle 2-3 Jahre) gewechselt werden. Generell sollte es auch keine Luft im Bremssystem geben. Luft ist wieder ein Gas und leitet den hydraulischen Druck nicht. Wenn man schon nicht wechselt, sollte man ab und zu entlüften und damit nachschauen, ob Luft im System ist.

Beim letzten Wechsel fehlte mir noch etwas die Erfahrung und auch das Equipment (guckst du hier), weshalb ich den Wechsel in einer befreundeten Werkstatt machen ließ. Genug Erfahrung hatte ich mittlerweile gesammelt und das Equipment habe ich mir dann auch besorgt so dass ich diesmal den Wechsel selbst durchführen konnte.

Equipment
Es gibt meiner Ansicht nach vier verschiedene Arten die Bremsflüssigkeit zu wechseln:

  1. Ich nehme es vorweg, dies sollte nur bei Fahrzeugen OHNE ABS gemacht werden. Sobald ein Auto ABS hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr euch mit Variante 1 die ABS-Sensoren zerstört sehr hoch!
    Die Bremsenentlüftungsventile werden nacheinander geöffnet und einer „pumpt“ andauernd auf der Fußbremse, so dass Druck aufgebaut wird und die Flüssigkeit rausfließt. Dann bitte natürlich das nachgießen nicht vergessen 😉 Diese Methodik erfordert zwei Personen.
    Generell ist diese Variante NICHT zu empfehlen, da da einiges kaputt gehen kann…
  2. Ein manuelles Bremsenentlüftungsgerät. Ein solches Gerät bekommt man zwischen 50 und 100 Euro. Hiermit baut man per Handpumpe Druck auf und kann automatisch Entlüften bzw. Wechseln. Auch hier darf wieder das Nachfüllen nicht vergessen werden, aber der Wechsel kann alleine bewerkstelligt werden.
  3. Ein Bremsenentlüftungsgerät mittels Druckluft (100 bis 300 Euro). Im Prinzip ist das Verfahren wie unter Punkt 2, nur dass der Druck mittels eines Kompressors aufgebaut werden muss. Dazu braucht man natürlich einen Kompressor, welcher sehr laut ist… Vorteil ist, dass die meisten Geräte erkennen, wenn keine Bremsflüssigkeit mehr vorhanden ist und dann keine Luft ins System lassen.
  4. Ein professionelles Wechselgerät (> 1.000 Euro). Das macht dann fast alles automatisch 😉

Da Varianten 1 und 4 bei mir ausscheiden, musste ich mich zwischen 2 und 3 entscheiden. Da ich nun auch nicht jede Woche die Bremsflüssigkeit wechsel, habe ich mich für Variante 2 entschieden.

 

Auf dem Bild seht ihr dann, was man alles zum Wechsel braucht (von links): Auffangbehälter, manuelles Entlüftungsgerät, E20 Adapter für den Einfüllstutzen, (oben) Bremsflüssigkeit, (oben) Handschuhe, (mittig) kleiner Schlauch, (mittig) Prüfgerät für den Wasseranteil in der Bremsflüssigkeit, (unten) Spritze.

 

Hier seht ihr schön, wo eigentlich der Einfüllstutzen für die Bremsflüssigkeit liegt: bei Linkslenkern immer vorne links im Motorraum (in der Mitte des Bildes der weiße Plastikkasten). Bei Rechtslenkern ist dieser Kasten übrigens meist rechts im Motorraum. Warum? Weil auf den jeweiligen Seiten auch immer das Bremspedal ist 😉

 

Auf dem Bild teste ich gerade den Wassergehalt der Bremsflüssigkeit. Ist dieser zu hoch ca. > 2%, dann sollte diese gewechselt werden. Meine Bremsflüssigkeit hatte ca. 1% Wassergehalt, welches eigentlich noch in Ordnung ist, aber wie schon oben beschrieben war die Bremsflüssigkeit schon drei Jahre alt und ich wollte mein neues Tool zum Wechseln dieser ausprobieren, also habe ich trotzdem gewechselt 😉

 

Für den Wechsel muss jede Bremse (also an den einzelnen Rädern) nacheinander entlüftet werden. Dazu kann man entweder das Auto nacheinander an jedem Rad hochbocken und dann entlüften, oder aber das Auto gleich an allen Vieren hochnehmen (so wie bei mir auf dem Bild 😉 ). Da ich zusätzlich auch noch die Kupplung entlüften wollte und man dazu an das Getriebe ran muss, bot sich natürlich die Option das Auto komplett aufzubocken an.

 

Beim Wechsel wir die Bremsflüssigkeit mit Überdruck durch das System geleitet. Damit nicht die komplette alte Flüssigkeit durchgepustet werden muss, sollte als erstes mit einer Spritze die alte Flüssigkeit im Behälter abgesaugt werden. Beim BMW muss man dazu zuerst das Schutzsieb entfernen. Dieses sitzt direkt an der Öffnung des Behälters und sichert diesen vor Fremdkörpern. Im Bremskreislauf sollten sich keine Fremdkörper, aber auch kein Schmutz befinden. Deshalb hier bitte vorsichtig arbeiten, dass euch dort kein Dreck reinfällt.

 

Rechts seht ihr die Spritze mit der alten Bremsflüssigkeit aus dem Behälter und links nochmal das Sieb und den Deckel des Behälters.

 

Nachdem so viel Flüssigkeit wie möglich aus dem Behälter mittels der Spritze entfernt wurde, sollte gleich zu Anfang der Behälter mit neuer Flüssigkeit aufgefüllt werden. Wie schon weiter oben beschrieben, kann die Bremsflüssigkeit mit viel Wasser neutralisiert werden, wenn mal etwas daneben geht. Hier aber bitte vorsichtig sein, dass ihr kein Wasser in den Bremskreislauf gießt… Das wäre sehr schlecht (siehe Beschreibung weiter oben).

 

Nachdem der Behälter aufgefüllt wurde, wird der E20 Adapter aufgesetzt und mit dem Entlüftungsgerät verbunden. In das Gerät wird genügend neue Bremsflüssigkeit eingefüllt und dann per Hand ein Überdruck erzeugt. Der Druck sollte zwischen 1 und 1,5 Bar (und nicht darüber) liegen!

 

Danach wird jedes einzelne Rad nacheinander entlüftet und zwar wird mit dem Rad angefangen, welches am weitesten vom Einfüllbehälter entfernt ist und dann der Strecke nach nach vorne gegangen. Die Reihenfolge ist damit wie folgt bei einem Linkslenker:

  1. Hinten rechts
  2. Hinten links
  3. Vorne rechts
  4. Vorne links

Auf dem Bild bin ich bereits in Schritt 2. Hier seht ihr auch das Entlüftungsventil am Bremskolben. Zuerst muss der Gummideckel entfernt werden und dann das 9er Gewinde (am E46) etwas gelockert werden. Hierfür gibt es spezielle Schlüssel, welche ein Zwitter aus Maul- und Ringschlüssel sind. Wenn man etwas vorsichtig ist, kann man jedoch die Schraube mit jedem 9er Ringschlüssel lösen und dann mit dem Maulschlüssel weiter aufdrehen (man sollte hier halt nur nicht abrutschen).

 

An dem Entlüftungsventil wird dann der Auffangbehälter angeschlossen und das Ventil mit dem Maulschlüssel weiter aufgedreht, bis die Bremsflüssigkeit hinausläuft. Da wir ja alle vier Räder nacheinander entlüften, sollte pro Rad ca. 1/4 des Behälters mit der alten Flüssigkeit befüllt werden. Ist dies der Fall, dass Entlüftungsventil wieder zu schrauben, aber nicht mit Gewalt fest drehen!

Folgende Punkte sollten allgemein dabei beachtet werden:

  1. Im Entlüftungsgerät muss immer genügend neue Bremsflüssigkeit sein. Ist das Gerät leer, wird Luft ins System gepumpt, was wir auf keinen Fall haben wollen. Sollte das passieren, muss das komplette System entlüftet bzw. mit neuer Bremsflüssigkeit durchgespült werden, so dass keine Luft mehr drin ist (erkennt ihr durch Luftbläschen in der austretenden Flüssigkeit). Bei den meisten Systemen, die mit einem Kompressor funktionieren, gibt es eine Membran, die verhindert, dass Luft ins System gepumpt wird. Das muss jeder selbst entscheiden, ob einem dies den doppelten Preis plus den lauten Kompressor wert ist. Ich bin der Meinung, dass man dies mit etwas Vorsicht umgehen kann.
  2. Müsst ihr das Gerät nachbefüllen, muss zuerst der Druck vom Gerät genommen werden, bevor ihr dieses Aufschraubt!
  3. Der Druck auf der Leitung (am Gerät) muss nach jedem Rad überprüft werden und ggf. wieder auf max. 1,5 Bar erhöht werden. Habtr ihr weniger als 1 Bar Druck auf der Leitung, ist der Wechsel sehr mühsam bzw. irgendwann nicht mehr möglich.
  4. Beim E46 passt genau 1 Liter Bremsflüssigkeit ins System. Die Meisten Kanister der neuen Bremsflüssigkeit haben auch genau einen Liter. Meiner Meinung nach wäre es vermessen zu sagen, dass man genau abschätzen kann, wann die alte Flüssigkeit entfernt wurde und die neue Suppe läuft (wenn man das Ganze nicht jeden Tag macht). Ich persönlich würde lieber immer etwas mehr ablassen und nachschütten, als notwendig. Damit kommt ihr meist nicht mit einem Liter aus, sondern solltet lieber gleich 1,5 oder 2 Liter kaufen. Im Endeffekt braucht ihr dann vielleicht 1,2 Liter davon und könnt den Rest als Reserve gut geschützt zu Hause lagern. Kalkuliert ihr zu knapp, wir der Wechselbehälter leer gepumpt und ihr pumpt euch Luft ins System…

Das Entlüften wird dann wie weiter oben beschrieben nach der vorgegebenen Reihenfolge für jedes Rad wiederholt.

 

Zum Schluss kann dann auch noch die Kupplung entlüftet werden. Dieses befindet sich im selben Hydraulikkreislauf, wie die Bremse; man braucht hier also keine extra Flüssigkeit oder extra Behälter. Einfach den Wechselbehälter am Bremsenbehälter lassen, schauen, ob noch genügend Bremsflüssigkeit drin und Druck drauf ist und die Kupplung nach gleicher Manier entlüften.
Das Bild ist sehr unscharf, da meine Kamera es leider nicht besser geschafft hat… Ihr seht rechts das Getriebe und der untere Rand des Bildes zeigt sozusagen zur Fahrzeugfront. Der eingekreiste Nippel ist das Entlüftungsventil für die Kupplung. Hier einfach wie bei den Ventilen an den Bremsen verfahren. Um da ran zu kommen, muss das Auto aufgebockt werden!

Zum Schluss dann unbedingt zuerst den Druck vom Wechselbehälter nehmen (dafür gibt es ein extra Ventil) und danach erst den E20-Adapter abschrauben. lasst ihr nicht zuerst den Druck ab, spritzt euch die Bremsflüssigkeit um die Ohren und das kann unangenehm werden!

Zusammenfassung:
Jetzt ist die Bremse wieder komplett überholt (neue Bremsbacken hat er auch bekommen) und die neue Saison kann dann irgendwann hoffentlich mal starten 😉

Die alte Bremsflüssigkeit am besten im Fachmarkt entsorgen!